Ich sitze da im flimmernden Licht vor diesem Viereck, starre hinein, in dieses Viereck. Und Jaques Brel singt „Ne me quitter pas“. Und ich denke, ja, verdammte scheisse. Verlasst mich nicht: bleibt bei mir, all die Glücksgefühle, all die Liebe, geht nicht fort, bleibt bei mir, wärmt mich. Ich stehe auf der alten Ruine, auf den alten Dächern und die weite Welt liegt vor mir, küsst mir meine Füsse und ich stampfe in den Boden und denke mir, geh nicht fort du Genuss, bleibe bei mir, du liebe Liebe. Und Jaques Brel singt “L’amour est mort” und ich denke, nein, verdammte Kacke, die Liebe lebt und wütet, die Liebe zur Schönheit der Natur, die Liebe zur Kleinstadtidylle, zum Mensch, zur Poesie. Ich halte sie fest, fester bei mir, bleib bei mir. “Ne me quitter pas”
Die Auftrittslust ist auf Hochtouren, da war vor über einer Woche der GrenzgängerSlam, ein schöner Erfolg, ausverkauft, tolle Texte, tolles Publikum. Nicolette Kretz gewann den Whisky, setzte sich gegen die hervorragenden Christoph Simon und Philip Vlahos durch.
Dann war da gestern der Text-Tiegel in der Luzerner Loge, spassig, man bekommt ein Thema, geht eine Dreiviertelstunde in die Bar gegenüber und hofft auf Inspiration, Wein hilft manchmal nicht, danach besteigt man die Bühne und liest vor was produziert wurde. Das Ganze klingt halb so Leicht wie es tatsächlich ist, denn das Thema ist doch von krasser Wichtigkeit, wie sich herausstellte: “Dr. House und der Föhn”. Was für eine Bullenscheisse. “Hugh Grant und der Ingwer” wäre weitaus inspirierender gewesen, da da wenigstens Hassgefühle vorhanden gewesen wären, oder “Benjamin Huggel und sein Kiefer”, das wäre mindestens ein Thema mit Grösse gewesen, aber “Dr. Houses” und “Föhne” sind mir so was von gleichgültig und sind unpoetisch wie Werbesprüche. So unpoetisch. Jedenfalls las ich doch tatsächlich meine Notizen vor, erntete sagenhafte drei Lacher, wurde dennoch Zweiter von vier. Und das mit literarischem Fastfood. Egal. Der Abend war so oder so höchst interessant, das Publikum sehr tolerant, die Mitdichter und Veranstalter bestens aufgelegt. Trotzdem bin ich froh, morgen wiedereinmal an einem normalen Poetry Slam teilzunehmen, an welchem die Themenwahl frei wie der Kosovo ist. Morgen um 20:30 uhr in der St.Pauli-Bar Zürich.
Ja.