Ein idiotisches Gespräch
Zweizimmerwohnung, künstliches Licht, Küchentisch, leergegessene Teller, eine fast leere Rotweinflasche, ein sich gegenübersitzendes Ehepaar, angewinkeltes Fenster, Spätsommer, heisse Luft.
Rachel: „Lass uns einen töten.“
Jaques: „Einen Menschen?“
Rachel: „Einen lebendigen Menschen.“
Jaques: „Warum, mein Liebes, willst du das tun?“
Rachel: „Tötetest du schon einmal einen Menschen?“
Jaques: „Nein.“
Rachel: „Du willst es nicht wissen, wie es ist?“
Jaques: „Nein.“
Rachel: „Warum nicht?“
Jaques: „Ich brauch es nicht zu wissen.“
Rachel: „Wenn du da in der Zeitung läsest von einem Mörder, würdest du ihn verurteilen?“
Jaques: „Trink deinen Wein.“
Rachel: „Das Glas ist leer.“
Jaques: „Ich würde ihn verurteilen. Soll ich einen neue Flasche aufmachen?“
Rachel: „Natürlich. Du würdest ihn verurteilen, obwohl du nicht weißt, ob es Spass macht?“
Jaques: „Klar, verdammt. Was sollen diese beschissenen Fragen, Rachel?“
Rachel: „Ich glaube, töten macht Spass und was Spass macht ist verlockend. Daher ist Mord ein völlig überschätztes Delikt.“
Jaques: „Dein Glas ist voll.“
Rachel: „Ich will es testen! Ich will jemanden töten, um die Mörder zu verstehen. Du kennst doch den Ehemann von Elsa. Er hat auch grundlos getötet und nun hassen ihn alle. Das gehört geklärt.“
Jaques: „Der Wein hat einen Zapfen, verdammt.“
Rachel: „Komm, wir töten einen!“
Jaques: „Der Wein ist bitter.“
Rachel: „Die Welt besteht aus Idioten und aus Nicht-Idioten. Ein Idiot weniger ist gar weltverbessernd.“
Jaques: „Kein verfluchter Mord verbessert die Welt. Was ist falsch bei dir?“
Rachel: „Was ist falsch bei dir? Du bist nicht wissensbegierig.“
Jaques: „Und ob ich das bin, ich lese viel. Wenn ich wissen will, wie sich ein Mörder fühlt, les ich es nach. Und du solltest das gefälligst auch auf diese Weise tun. Schütt den Wein weg, er hat Zapfen.“
Rachel: „Manche Dinge kann man nicht nachlesen.“
Jaques: „Und überhaupt: Wenn es dir Spass machen täte, dann wäre etwas falsch bei dir.“
Rachel: „Und wenn es 90 % aller Menschen Spass machen täte, wäre dann noch immer etwas falsch bei mir?“
Jaques: „ Wieso trinkst du dieses eklige Gesöff?“
Rachel: „Ich mag es. Antworte mir!“
Jaques: „Rede nicht dauernd im Konjunktiv. Morden macht den wenigsten Spass. Es ist wie es ist, es ist nicht, wie es wäre. Das sind grundlegende Weisheiten. Akzeptiere das Sein, verdammt.“
Rachel: „Du weiss nicht, ob dir töten Spass macht. Dein Sein-Zustand ist reine Hoffnung, du tippst, dass du keinen Spass daran hättest. Schieb dir deinen Seinzustand in den Arsch. Wer weiss, ob die Welt aus Mördern besteht? Niemand. Vielleicht sind sie in Überzahl, vielleicht sollten sie die Gesetze machen. Du bist doch auch ein Demokrat. Du liebst doch auch die Freiheit“
Jaques: „Denkst du wirklich so?“
Rachel: „Der Wein ist sogar lecker.“
Jaques: „Egoismus ist nicht gleich Freiheit. Man ist nicht frei, wenn jeder töten darf. Maximal frei von Verstand.“
Rachel: „Dann erzähl mir mal, mein Lieber, was ist denn Freiheit, wenn es nicht schrankenloses Sein ist?“
Jaques: „Ich bin nicht für vollkommene Loyalität.“
Rachel: „Dann bist du aber auch kein Demokrat.“
Jaques; „Ich scheiss auf Parteipolitik. Wie kannst du diese Brühe mögen? Wer wirklich frei ist, will nicht töten.“
Rachel: „Wer ist hier der Egoist? Deine Meinung ist die wahre, sagst du? Ich frag noch mal, was wenn jeder töten will ausser dir?“
Jaques: „Ich wäre ausser mir.“
Rachel: „Mit dir zu sprechen ist unmöglich.“
Jaques: „Dein Weingeschmack ist unmöglich.“
Rachel: „Du bist derjenige, der Freiheit verhindert.“
Jaques: „Wenn für dich es Freiheit ist, anderen ebendiese wegzunehmen, so muss ich sagen: Ich tue es mit Freude.“
Rachel: „Du bist derjenige, der Freiheit verhindert.“
Jaques: „Du hast einen Hänger.“
Rachel: „Ich will jemanden töten, es ist mein Wille.“
Jaques: „Befrei dich von ihm.“
Rachel: „Wie?“
Jauqes: „Erschiess dich. Woher soll ich das wissen?“
Rachel: „Du weißt doch sonst auch alles so genau.“
Jaques: „Es ist ein Teufelskreis, verdammt, du hast mir diesen Abend vermiest.“
Rachel: „Ich geh jetzt.“
Jaques: „Wohin?“
Rachel: „Ich geh nen Idioten töten.“
Jaques: „Wie erkennst du ihn?“
Rachel: „Entweder er folgt mir und tötet mit mir einen Menschen, oder er muss selber sterben.“
Jaques: „Liebstes, hör auf dieses Ding auf mich zu richten.“
Rachel: „Idiot?“
Jaques: „Setzt dich, Liebstes, du wirkst bleich…-“
Rachel: „Idiot?“
Jaques: „Trink ein Schluck und atme tief…-“
Rachel: „Idiot?“
Schweigen. Dann: Peng..